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Etikettenschwindel: Zweifel-Chips mit Olivenöl. Mit 3 % Olivenöl und 21 % Rapsöl!

Aktualisiert: 2. Juni 2023



Die Kartoffelfrittierwerke von Zweifel Pomy-Chips AG haben unlängst migrosweit ein neues Produkt lanciert. Die "Joy SUPER GREEN CHIPS with olive oil". Die Aufmachung der Zweifel-Chipstüte, welche diese angeblich supergrünen Kartoffelhobelspäne enthalten soll, fällt mir als regelmässiger Aufsucher von Supermärkten natürlich sofort ins Auge.


«Zweifel bringt in Olivenöl frittierte Chips auf den Markt. Grossartig!»

Das dachte ich mir und griff beherzt ins Regal. Auf die Freude sollte allerdings die sofortige Enttäuschung folgen. Und, wie das Wort Enttäuschung es wunderbar ausdrückt, bedeutete das Umdrehen der Tüte und das sorgfältige Durchlesen der Zutatenliste das Ende der Täuschung (Hinweis: Das Präfix "ent-" kehrt den Sinn des darauffolgenden Stammwortes immer ins Gegenteil um). Die Auflistung der Zutaten offenbarte nämlich schwarz auf weiss, dass Zweifel die Kartoffel-Chips in Rapsöl frittieren liess, welches im fertigen Produkt einen Mengenanteil von 21 Prozent ausmacht. Olivenöl erwähnt der orange Snack-Hersteller zuletzt auf der Liste der für dieses Produkt verwendeten Ingredienzen. Mengenanteil? 3 Prozent!


Ich habe Zweifels Etikettenschwindel nur entgehen können, weil ich das Produkt, bevor ich es in den Einkaufskorb legte, umgedreht und die auf den ersten Blick nicht ersichtliche Zutatenliste aufmerksam und bis zum Schluss durchgelesen habe.


Das Bundesgesetz über Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände (Lebensmittelgesetz, LMG) SR 817.0 stützt meinen Vorwurf an Zweifel, dass es sich im vorliegenden Fall um einen Etikettenschwindel handelt. Das Lebensmittelgesetz regelt nämlich den Täuschungsschutz unter Art. 18.[1] Hier sind die Absätze 2 und 3 vielsagend.


 

Täuschungsschutz im Schweizerischen Lebensmittelgesetz - Art. 18

1 Sämtliche Angaben über Lebensmittel, Bedarfsgegenstände und kosmetische Mittel müssen den Tatsachen entsprechen.

2 Die Aufmachung, Kennzeichnung und Verpackung der Produkte nach Absatz 1 und die Werbung für sie dürfen die Konsumentinnen und Konsumenten nicht täuschen. Die Bestimmungen des Markenschutzgesetzes vom 28. August 19925 über Angaben zur schweizerischen Herkunft bleiben vorbehalten.

3 Täuschend sind namentlich Aufmachungen, Kennzeichnungen, Verpackungen und Werbungen, die geeignet sind, bei den Konsumentinnen und Konsumenten falsche Vorstellungen über Herstellung, Zusammensetzung, Beschaffenheit, Produktionsart, Haltbarkeit, Produktionsland, Herkunft der Rohstoffe oder Bestandteile, besondere Wirkungen oder besonderen Wert des Produkts zu wecken.

 

In der dem Lebensmittelgesetz untergeordneten Lebensmittel- und Gebrauchsgegenständeverordnung (LGV) SR 817.02 steht unter Art. 12 - Täuschungsverbot -geschrieben, dass für Lebensmittel verwendete Bezeichnungen, Angaben, Abbildungen, Umhüllungen, Verpackungen, Umhüllungs- und Verpackungsaufschriften, die Arten der Aufmachung, die Werbung und die Informationen über Lebensmittel den Tatsachen entsprechen müssen und nicht zur Täuschung namentlich über Natur, Herkunft, Herstellung, Produktionsart, Zusammensetzung, Inhalt und Haltbarkeit der betreffenden Lebensmittel Anlass geben dürfen. Und weiter: «Verboten sind insbesondere Angaben oder Aufmachungen, die darauf schliessen lassen, dass ein Lebensmittel einen Wert hat, der über seiner tatsächlichen Beschaffenheit liegt.»[2]




Rund 34 % der Gesamtfläche der Vorderseite der entsprechenden Verpackung werden von Oliven- resp. Olivenölsujets eingenommen. Das lässt den Durchschnittskonsumenten darauf schliessen, dass die sich in dieser Tüte befindenden Chips in Olivenöl frittiert wurden. Der Hinweis "with olive oil" stützt dabei die im guten Glauben an die Rechtmässigkeit der Verpackung erhaltene Vermutung des Konsumenten.




Ein Blick auf die Verpackungen der bekannten Klassiker Zweifels, die Nature- und die Paprika-Chips, zeigt unmissverständlich, dass diese im Hauptsichtfeld der Verpackung (das ist jene Seite der Verpackung, von welcher anzunehmen ist, dass diese vom Konsumenten zuerst gesehen wird) den prominenten Hinweis "MIT SCHWIEZER ALPENSALZ & RAPSÖL" enthalten. Demgegenüber ist die Verpackung der besagten Zweifel-Neuheit mit dem Hinweis "with olive oil" versehen. Die Schlussfolgerung, die der Durchschnittskonsument aufgrund der Aufmachung der Produkte zieht, ist mit grosser Wahrscheinlichkeit jene, dass er denkt, dass die Chips hier in Rapsöl und dort in Olivenöl zubereitet resp. frittiert wurden. So erging es auch mir.


Auch auf ihrer Webseite sagt Zweifel nicht die ganze Wahrheit. So muss man aufgrund der Produktbeschreibungen davon ausgehen, dass Rapsöl beim einen und Olivenöl beim anderen Produkt eine jeweils entscheidende Rolle spielen.


Aber abgesehen von der Tatsache, dass beide Chipssorten in Rapsöl frittiert wurden, welchen Sinn hat es, im Anschluss an die Friteuse einige der Kartoffelscheiben mit Olivenöl zu "verfeinern".

Zumal es sich nicht um natives Olivenöl extra, sondern um Olivenöl (ein Gemisch aus raffinierten und nativen Olivenölen) handelt, welches - wenn nicht ranzig - absolut geschmackslos ist. Das ist doch ein Scherz.



«Olivenöl ist nicht hitzestabil und ist daher wenig zum Frittieren von Kartoffelchips geeignet. [..]»

- Zweifels Reaktion auf Instagram




Ich habe einen wenig beachteten Beitrag auf Instagram zum Thema veröffentlicht, in dem ich Zweifel des Etikettenschwindels angeprangert habe. Zweifel hat sich darauf hin mit einem Kommentar gemeldet. Das Unternehmen schrieb auf meinen Vorwurf: «Hi Silvan, Danke für deinen Kommentar. Olivenöl ist nicht hitzestabil und ist daher wenig zum Frittieren von Kartoffelchips geeignet. Deshalb haben wir den Weg des Aufsprühens gewählt. Wie alle unsere Zweifel Chips werden auch die Joy Chips Supergreen in hochwertigem Schweizer Rapsöl frittiert und danach mit Olivenöl verfeinert. Die Abbildung macht transparent, dass wir ein anderes Öl als bei allen anderen Kartoffelchips und Snacks verwenden. Ich hoffe, ich konnte hiermit weiterhelfen.»


Auch wenn es stimmen würde, was Zweifel schreibt, nämlich, dass Olivenöl nicht hitzestabil sei - was natürlich totaler Unfug und wissenschaftlich und historisch eindeutig widerlegt ist -, würde das Zweifel nicht berechtigen, die Aufmachung ihrer Produktverpackung so zu gestalten, dass diese den Durchschnittskonsumenten glauben lässt, ihr Produkt sei in Olivenöl frittiert worden. Zweifels Marketing bleibt irreführend. Und das ist unehrenhaft für eine der beliebtesten Marken der Schweiz.



Natives Olivenöl extra ist hitzestabiler als HOLL-Rapsöl


Auf was stützt Zweifel die Aussage, wonach Olivenöl nicht hitzestabil sei? Sie ist nämlich für das Gros der Olivenöle, die erhältlich sind, nicht zutreffend. Ein Grossteil der Olivenöle (wir reden hier von nativen Olivenölen extra) weist ein ideales Fettsäureprofil auf. Nach diesem Vorbild wurden übrigens auch die HO-Sonnenblumen und HOLL-Rapssorten "zusammengebastelt". Die Öle, die aus ihren Samen mit hohem chemischem und thermischem Einsatz gewonnen werden[3][4], nachdem die Samen zuvor in Monokulturen und unter hohem Pestiziddruck[5][6] herangewachsen sind, sollen in der Fettsäurestruktur jenem Öl "der Olive" ähneln.


Mitte der 1990er Jahre hatte die Samenölindustrie damit begonnen, ölsäurereiche Sonnenblumensorten zu kultivieren. Anfänglich für die Oleochemie[7], anschliessend für die Nahrungsmittelindustrie. Einige Jahre nach der Jahrtausendwende begannen hierzulande Experimente mit einer ölsäurereichen und gleichzeitig alpha-linolensäurearmen Rapssorte. An diesen Versuchen waren neben Agroscope des Bundes auch die Saatguthersteller Fenaco und Monsanto (heute Bayer CropScience) sowie die Organisationen und Betriebe INRA aus Frankreich, Swiss Granum, Florin und Sabo beteiligt.[8] Allen Nachahmerversuchen zum Trotz: Natives Olivenöl extra bleibt beim Frittieren (Deep Frying) deutlich länger stabil als HO-Sonnenblumen- und HOLL-Rapsöle. Selbst die heutigen industriellen Frittiermedien, denen zum Schutz vor Oxidation als Zusatz stark tocopherolhaltige Extrakte beigemengt werden, schneiden in Punkto Frittierdauer schlechter ab als zahlreiche native Olivenöle extra.


Australische Forscher haben in einer im Jahr 2018 im Magazin "Acta Scientific Nutritional Health" publizierten Studie die Auswirkungen von Erhitzung auf gängige Speiseöle untersucht.[9] Dabei stellte sich heraus, dass natives Olivenöl extra am sichersten und stabilsten ist, insbesondere wenn es bei hohen Temperaturen (240 °C) verwendet wird. Im Rapsöl entwickelten sich während des Tests, zu welchem die Öle einerseits während sechs Stunden auf 180 °C und andererseits innerhalb von 20 Minuten schrittweise von 25 °C auf 240 °C erhitzt wurden, vor allem bei der Hocherhitzung, mehr als zweieinhalbmal so viele polare Verbindungen wie in nativem Olivenöl extra. Tests, denen ich selber durchgeführt habe, zeigen zudem, dass natives Olivenöl extra während zweistündiger Erhitzung auf 180 °C 4.5 mal weniger polare Anteile bildet als HOLL-Rapsöl (gekauft bei der Migros). Verantwortlich für die gute Hitzestabilität des nativen Olivenöls sind die darin enthaltenen sekundären Pflanzenstoffe wie Polyphenole und Tocopherole, die man in raffinierten HOLL-Rapsölen vergeblich sucht.


Zweifel mag ein Interesse haben, den "heimischen" Rapsanbau zu unterstützen und zu schützen, das stelle ich keineswegs infrage. Allerdings muss ich am lebensmitteltechnologischen Verständnis der Zweifel-Mannschaft zweifeln, wenn diese behauptet, Olivenöl sei nicht hitzestabil.


Das geht besser, Zweifel. Zweifelsfrei!




 

Quellen:

[1] Täuschungsschutz, Art. 18, Abs. 1 bis 3 Lebensmittelgesetz SR 817.0; zu finden unter: https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/2017/62/de#art_18

[2] Täuschungsverbot, Art. 12, Abs. 1 und 2 Lebensmittelverordnung SR 817.02; zu finden unter: https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/2017/63/de#art_12

[3] Die Ölsaatenverarbeitung - OVID, Verband der ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland e. V.; zu finden unter: https://www.ovid-verband.de/unsere-themen/verarbeitung/oelsaatenverarbeitung

[4] Die Pflanzenölraffination - OVID, Verband der ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland e. V.; zu finden unter: https://www.ovid-verband.de/unsere-themen/verarbeitung/pflanzenoelraffination

[5] Pestizide in der Landwirtschaft: Flächendeckendes Gift - Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND) – Friends of the Earth Germany; zu finden unter: https://www.bund.net/umweltgifte/pestizide/landwirtschaft/?utm_source=bundnetutm_medium

[6] Analyse: Es ist nicht alles gelb, was glänzt - Bauernzeitung vom 29.10.2018; zu finden unter: https://www.bauernzeitung.ch/artikel/landwirtschaft/analyse-es-ist-nicht-alles-gelb-was-glaenzt-358211

[7] Agrarforschung: Verbesserung der Anbau- und Markteignung hochölsäurereicher Sonnenblumen - Infodienst Landwirtschaft - Ernährung - Ländlicher Raum Baden-Württemberg, Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg (MLR); zu finden unter: https://www.landwirtschaft-bw.de/pb/,Lde/Startseite/Service/Verbesserung+der+Anbau-+und+Markteignung+hochoelsaeurereicher+Sonnenblumen#:~:text=%C3%96ls%C3%A4urereiche%20Sonnenblumen%20(%22High%20oleics%22,Bereich%20ein%20interessanter%20nachwachsender%20Rohstoff.

[9] Evaluation of Chemical and Physical Changes in Different Commercial Oils during Heating, De Alzaa F, Guillaume C* and Ravetti L, 05.05.2018, Volume 2 Issue 6 June 2018 - Acta Scientific Nutritional Health; zu finden unter: https://actascientific.com/ASNH/pdf/ASNH-02-0083.pdf

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